Die Skydio R1 im Praxis-Test

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Als der Drohnen-Neuling Skydio die voll autonom fliegende R1 für stolze 2499 $ ankündigte, war das wichtigste Verkaufsargument autonomes und „smartes“ Fliegen, bei dem Hindernissen mit hoher Geschwindigkeit zuverlässig ausgewichen wird. Nun ist Follow-me und Obstacle Avoidance längst nichts Neues mehr, aber funktioniert nicht immer so zuverlässig, wie man sich das wünschen würde – schon gar nicht bei hoher Fluggeschwindigkeit. Eine wirklich autonom agierende Drohne, die sich auch in einer komplexeren Umgebung mit vielen Hindernissen selbstständig bewegen kann, wäre also durchaus noch etwas Besonderes. 

Daher war ich sehr gespannt auf einen ersten Test der R1 unter realistischen Bedingungen: Realistisch heisst in meinem Fall, ich verzichte natürlich auf das Lesen der Gebrauchsanweisung und versuche gleich als erstes Mal, ob es mir gelingt, die Drohne in einen Baum zu fliegen. Don’t be gentle, it’s a rental – in meinem Fall allerdings eine Leihgabe, die ich natürlich lieber ohne Kratzer und Beschädigungen zurück geben möchte. Um es vorweg zu nehmen: die R1 umkurvte alle Hindernisse virtuos. 

Skydio R1

Follow-me ist ganz klar eine Stärke der R1 und es ist wirklich beeindruckend, mit welcher Sicherheit die Drohne sich ihren Weg sucht, Hindernissen ausweicht und „ihrem“ Menschen folgt. Ein DJI Mavic Pro sollte auf dem Papier zu Ähnlichem fähig sein, lässt sich aber in der Realität durch Hindernisse oftmals ab- und ausbremsen und bleibt in der Luft stehen anstatt sich seinen Weg zu suchen. Die Höchstgeschwindigkeit der R1 beträgt übrigens circa 40 km/h, es ist also möglich mit einer rasanten Fahrt (beispielsweise mit dem Fahrrad) die Drohne abzuhängen. Wenn die R1 die WLAN-Verbindung zum Smartphone verliert (das Limit bei circa 90 m Entfernung), stoppt sie ab und schwebt in der Luft, bis man zu ihr zurück gekehrt oder der Akku leer ist. Die Akkulaufzeit beträgt übrigens nur 16 Minuten – für längere Sportszenen ist das etwas knapp bemessen, aber im Lieferumfang sind immerhin 2 Akkus inkludiert.

Der Follow-me Modus ist sehr gut umgesetzt, die Drohne folgt einem sehr agil und zuverlässig. Es ist mir zwar gelungen, die R1 “abzuschütteln” und ihr aus dem Blickwinkel zu entkommen, allerdings habe ich es auch aktiv darauf angelegt und ordentlich rennen müssen. In einem solchen Fall bleibt die R1 ebenfalls in der Luft stehen und wartet, bis sie ihren Menschen wieder im Blick hat – in meinem Fall, bis ich hinterm dem Baum wieder hervorgetreten bin. Die R1 kann übrigens nur Menschen tracken, Tiere (zum Beispiel Hunde) werden im Follow-Me Modus nicht erkannt.

Das Gehäuse der R1 besteht aus Aluminium und Kohlefaser und wirkt sehr solide und hochwertig. Mit den Abmessungen 40 x 33  x 3,8 cm hat die R1 ungefähr das Format einer Pizzaschachtel und hebt sich deutlich vom üblichen Design der DJI Drohnen ab. Die vier Propeller sind von einem Propellerschutz umgeben, der nicht entfernt werden kann – im Rahmen sind die zahlreichen Kameras verbaut, die die Drohne zur Orientierung verwendet. Das Startgewicht der Drohne beträgt nur 1 kg – also weit unter dem Limit, ab dem ein Kenntnisnachweis in Deutschland nötig ist. 

Neben ihrem Parade-Einsatz im Follow-me Modus bietet die R1 noch zahlreiche anderes Flugmodi, mit der man als Pilot kreativ werden und auch mehr Einfluss nehmen kann, darunter „Orbit“, „Tripod“ oder „Stadium“ (eine orthogonale Position z.B. über einem Spielfeld). Im Modus „Lead“ und „Side“ fliegt die Drohen vor oder neben einem Objekt und hält es dabei im Fokus. Die Auswahl der Modi und Einstellung von Flughöhe und Abstände erfolgt über die App auf dem Smartphone oder Tablet. „Manuell“ steuern kann man die Drohne natürlich auch. Die „virtual joysticks“ sind aber keine ideale Art, eine Drohne präzise zu steuern und eher dazu geeignet, auch die R1 auch von anderen Drohnen gewohnt in eine gewünschte Richtung zu bewegen. Gleichzeitig bedeuten wenige manuellen Einstellungen, dass die Bedienung der R1 extrem einfach ist. Die Aufnahmen werden beispielsweise beim Start automatisch gestartet und bei der Landung beendet. Der interne Speicher beträgt 64 GB, was circa 1,5 Stunden Filmaufnahmen in 4K entspricht. 

Im Einsatz als Kameradrohne zeigen sich aber durchaus Einschränkungen: Die 4K-Kamera mit 1/2.3″ Sensor verwendet ein Weitwinkelobjektiv, dass für einige Aufnahmeszenen mehr, für andere weniger geeignet ist. Natürlich hilft der Weitwinkel der R1 bei der Aufgabe, das gewünschte Objekt im Frame zu halten und dauerhaft zu verfolgen. Das funktioniert sehr gut, der autonome Flug führt aber auch dazu, dass die Drohne viele, teilweise abrupte Bewegungen ausführt, die natürlich bei Filmaufnahmen nicht unbedingt erwünscht sind. Ein Kameramann würde vermutlich sanftere, langsamere Bewegungen bevorzugen, für völlig autonom gesteuerte Aufnahmen gerade beim Sport geht das aber schon in Ordnung.

Skydio R1 im Flug

Für wen ist diese Drohne geeignet?

Die R1 ist technologisch absolut beeindruckend und hält tatsächlich, was sie verspricht. Die autonomen Flugfähigkeiten sind aktuell das Beste, was auf dem Markt zu finden ist. Die Qualität der Aufnahmen bewegen sich auf dem guten Niveau, vergleichbar ungefähr mit einem der älteren GoPro Modellen, aber sind natürlich weit entfernt von Spiegelreflex-Niveau. Modelle wie der Phantom 4 Pro bieten eine noch bessere Bildqualität. Das einzige „Problem“ ist der Preis. Die R1 ist mit ihrem autonomen Flug geradezu perfekt für Einsteiger und Hobbysportler, die sich um das Fliegen bzw. Fliegen lernen nicht kümmern wollen, sondern mit wenig Aufwand tolle Sportaufnahmen erstellen wollen. Ich kann mich täuschen, aber meiner Einschätzung nach für diese Kundengruppe 2499 $ mehr, als was für ein neues Gadget üblicherweise ausgegeben wird. Für den Preis der R1 kann man sich gleich zwei DJI Mavic Pro Combo leisten. Skydio bezeichnet seine Zielgruppe als Sportler und „professionelle Content-Ersteller“. Wollen wir hoffen, dass diese Zielgruppe groß genug ist, um am Markt zu überleben – eine sehr interessant, gut umgesetzte Kameradrohne ist die R1 auf jeden Fall. Die R1 ist aktuell nur bei www.skydio.com in den USA erhältlich.

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